Ansprache des Präsidenten der DOG während der Eröffnungssitzung


Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) hat in ihrer 141jährigen Geschichte so manche stürmische politische Entwicklung, aber auch stürmische Entwicklungen in der Medizin und speziell in der Augenheilkunde erlebt.

Nicht nur technischer und pharmakologischer Fortschritt, sondern auch der enorme Fortschritt in klinischer Erkenntnis hat der Augenheilkunde in den letzten Jahrzehnten Möglichkeiten eröffnet, die noch vor weniger als einem halben Jahrhundert nicht vorstellbar gewesen wären und an denen die deutsche Ophthalmologie wesentlichen Anteil hat. Beispielhaft seien hier nur die mit dem Namen Meyer-Schwickerath eng verbundene prophylaktische Behandlung der Netzhautdegeneration durch Licht- und später Laserkoagulation, die mit dem Namen Machemer verbundene Vitrektomie sowie die Plombenoperation nach Custodis erwähnt.

Diese neuen Erkenntnisse wurden schnell in die praktizierende Augenheilkunde integriert und so üben die Fachärzte für Augenheilkunde Ihre Tätigkeit auf hohem wissenschaftlichen Niveau in den verschiedenen Facetten aus, in Universitätsaugenkliniken, städtischen Krankenhäusern, als niedergelassener Arzt, als Arzt in einer Praxisklinik oder als Belegarzt. Bisher gab es in der deutschen Ophthalmologie keine unüberwindlichen Hindernisse den wissenschaftlich gesicherten Fortschritt und damit den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis rasch in die Routine, d.h. in die Breitenversorgung der Bevölkerung umzusetzen.

Es zeichnen sich jedoch mehr und mehr in der Umsetzung des Wissens erhebliche Probleme ab. Somit stellt sich die Frage nach der künftigen Entwicklung.

Wissenschaftlicher Fortschritt ist nämlich nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille ist, inwieweit der einzelne Kranke auch tatsächlich Zugang zu einer Versorgung nach dem jeweiligen aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse hat. Für Deutschland - und auch andere Industrienationen - hat der hohe sozialstaatliche Anspruch Gültigkeit, daß im System der gesundheitlichen Versorgung regionale und soziale Chancengleichheit besteht. Dies bedeutet, daß der einzelne Kranke, unabhängig von seinem Wohnort und seinem Sozialstatus, ungehinderten und ungeschmälerten Zugang zum System der gesundheitlichen Versorgung haben muß, welches sich am derzeitigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis orientiert.

Medizinischer Fortschritt bedarf aber, um in der Breitenversorgung realisiert werden zu können, entsprechender Ressourcen. Diese beinhalten eine ausreichende Finanzierung von Gebäuden, Geräten, Personal und flankierenden Einrichtungen, sowie der laufenden Kosten, der Infrastruktur und Dienstleistungen.

Hoffmann, seit 25 Jahren Präsident des „Verbandes der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands", hat bereits auf dem deutschen Krankenhaustag 1975 in Hannover prognostiziert, daß die Pflegesätze der deutschen Krankenhäuser, die damals noch um 100 DM im Durchschnitt lagen, in kurzer Zeit die 500 DM Grenze übersteigen würden. Dies hatte seinerzeit zu einer Anfrage im deutschen Bundestag geführt, die vom damaligen Staatssekretär im zuständigen Ministerium - von Manger-König - dahingehend beantwortet wurde, daß der Bundesregierung entsprechende Daten nicht zur Verfügung stünden. Kann sich unser Sozialstaat diese Entwicklung weiter leisten? Mittlerweile ist die 500 DM Grenze bei weitem überschritten. Die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen in Holland hat zu der politischen Entscheidung geführt, daß zusätzliche Mittel für das Gesundheitswesen nicht mehr bereit gestellt werden können. Deshalb hat man schon 1983 in Holland die Mittel für das Krankenhauswesen streng budgetiert mit dem fragwürdigen Erfolg, daß vor einigen Jahren eine medizinische Universitätsklinik am Jahresende die Aufnahme von Leukämiekranken ablehnen mußte, weil für die Behandlung keine Mittel mehr zur Verfügung standen.

In England werden Dialysebehandlungen bei über 55jährigen und Gelenkprothesen bei über 65jährigen von den Kassen nicht mehr bezahlt. Diese Beispiele zeigen, daß für das Gesundheitswesen auch international nicht mehr unbegrenzte Mittel zur Verfügung stehen und damit der medizinische Fortschritt - der in aller Regel teuer ist - nicht mehr finanziert werden kann. Hier drohen, wenn es zur Rationierung von Gesundheitsleistungen kommt, ethische Konflikte, die auf dem Rücken der Ärzte ausgefochten werden, obwohl in Wirklichkeit die gesamte Gesellschaft, vertreten durch die gewählten Parlamentarier, Entscheidungen und Verantwortung übernehmen müßte.

Wir Ärzte müssen uns aber aus Gründen unseres ärztlichen Auftrages und aus humanitären Gründen für die Übertragung der medizinischen Forschungsergebnisse in die Patientenversorgung einsetzen. Damit wirft sich zwangsläufig die Frage der Finanzierungs-möglichkeiten auf.

Ein weiterer Faktor steigender Kosten im Gesundheitswesen ist die demographische Entwicklung. Die Hochrechnung von 1986 bis 2050 zeigt, daß der Altersquotient in allen Nationen erheblich ansteigt. In Deutschland müssen wir in diesem Zeitraum mit einer Verdopplung des sogenannten Altersquotienten rechnen.

Die bisher mit breitem politischen Konsens in Deutschland verwirklichten Kostendämpfungsgesetze im Gesundheitsbereich sind allerdings keine erfolgversprechenden Konzepte für die Bewältigung der auf uns zukommenden Probleme. Der von der Politik in den 70er Jahren erfundene Begriff „Kostenexplosion" im Gesundheitswesen war eine eklatante Fehldiagnose. Es handelte sich nicht um eine Explosion sondern um eine vorhersehbare Kostenentwicklung aufgrund demographischer Vorgaben und aufgrund des rasanten medizinischen Fortschritts. Nur von einem Teil der deutschen Politiker wird erkannt, daß die Krise der Finanzierung des Gesundheitswesens nicht eine Krise der Ausgabenseite sondern eine Krise der Einnahmenseite der gesetzlichen Krankenversicherungen ist. Ein bedeutendes Detail dabei ist, daß eine große politische Gruppierung in Deutschland - zu der auch einige bekannte Repräsentanten auf der Seite der gesetzlichen Krankenversicherung gehören - sich einen wesentlichen Beitrag zur Sanierung der Finanzsituation des Gesundheitswesens in einer deutlichen Senkung des Arzteinkommens in der niedergelassenen Praxis vorstellen. Diese von Sozialneid geprägte Argumentation kennt offenbar nicht den Zusammenhang zwischen Sozialstatus und Leistung.

Meine Damen und Herren,
wer Peanuts ausstreut kann bestenfalls Primaten am Futterplatz erwarten und nicht darauf bauen, daß sich hochqualifizierte leistungsbereite Menschen einfinden.

Eine nicht weltanschaulich verbrämte sachliche Analyse der Finanzsituation unseres Gesundheitssystems zeigt nach mehr als einem Jahrzehnt Kostendämpfungs-esetze, daß die in der gesetzlichen Krankenversicherung vorhandenen Mittel künftig nicht ausreichen werden, um unter Beachtung des medizinischen Fortschritts den sozialstaatlichen Anspruch auf regionäre und soziale Chancengleichheit zu erfüllen. Niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser haben Rationalisierungsreserven ausgeschöpft und wehren sich vehement gegen Rationierungsmaßnahmen, die den Zugang zu Gesundheitsleistungen von anderen als von medizinischen Kriterien abhängig machen.
Die Mittel der gesetzlichen Krankenversicherungen sind auch deshalb zu knapp, weil die Einnahmesituation trotz steigender Nominaleinkünfte relativ schlecht geworden ist. So lange die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung nur durch die Beiträge der Arbeitnehmer sowie der Arbeitgeber erfolgt, muß die Finanzdecke bei steigender Arbeitslosigkeit und bei Rückgang der Arbeitsplätze zwangsläufig schrumpfen. Dies ist ein Vorgang, der in der ganzen Welt zu beobachten ist, weil durch Automatisierungsmaßnahmen in den Industriegesellschaften Menschen durch Automaten ersetzt werden, Arbeitsplätze wegfallen und mit rückläufiger Zahl der Arbeitnehmer auch die Zahl der Beitragszahler schrumpft. Fast 100 Jahre war es möglich, die Beiträge zur gesetzlichen Kranken-versicherung ausschließlich an den Faktor „Arbeit" zu koppeln. Dieses Konzept läßt sich für die Zukunft nicht mehr aufrecht erhalten.

In dem Maße, in dem Arbeitsplätze verloren gehen, der Anteil der Wertschöpfung durch arbeitende Menschen an der Gesamtwertschöpfung einer Nation - erkennbar an der sogenannten Lohnquote - sinkt, in dem Maße muß auch ein rein beitragsfinanziertes Gesundheitssystem in die Krise geraten. Es darf allerdings nicht vergessen werden, daß beitragsfinanzierte Gesundheitssysteme sich bisher wegen der wesentlich geringeren Eingriffsmöglichkeiten der Politik positiv entwickeln konnten und die Integration des medizinischen Fortschrittes in die Therapie schneller schafften, als die sogenannten steuerfinanzierten Systeme, wie z.B. das staatliche Gesundheitswesen in England. In diesem rein steuerfinanzierten System sind allerdings besonders privilegierte Persönlichkeiten mit entsprechendem finanziellen Hintergrund durchaus in der Lage, sich eine adäquate Therapie zu erkaufen. Insofern sind unter Wahrung unseres sozialstaatlichen Prinzips rein steuerfinanzierte Systeme abzulehnen.

Durch das Gesundheitsstrukturgesetz wurden gravierende Einsparungen durchgesetzt. Weitere Einsparungen auf der Ausgabenseite werden allerdings weder im Bereich der niedergelassenen Ärzte noch im Bereich der Krankenhäuser ohne Leistungs- und Qualitätseinbuße durchsetzbar sein. Die Budgetierung ist zwar finanzpolitisch ein hochwirksames Instrument, gesundheitspolitisch jedoch deshalb völlig ungeeignet, weil feste Budgetierungen die von der Bevölkerung erwartete steigende Gesundheitsleistung auf keinen Fall finanzieren können. Budgetierung auf der einen Seite und Leistungszunahme sowie Qualitätserhaltung auf der anderen Seite sind zwei Begriffe, die diametral zueinander stehen. Wer heute noch glaubt, durch besonderen Kostendruck auf die Krankenhäuser große Geldmengen einsparen zu können und z.B. eine Senkung der Verweildauer erzwingen zu können, irrt. Die Senkung der Verweildauer in den letzten 30 Jahren ist allein durch den wissenschaftlichen Fortschritt in der Medizin und nicht etwa durch ökonomische Maßnahmen hervorgerufen worden. Sicherlich wird die Verweildauer durch medizinischen Fortschritt weiter sinken. Damit werden künftig aber keine Kosten mehr eingespart werden können, da die Leistungsverdichtung mit erhöhtem Einsatz von Personal und Material in den verbliebenen Pflegetagen bereits erkennbar höhere Kosten verursachen als durch die Einsparung von Pflegetagen kompensiert werden könnten. Wer glaubt, daß ökonomischer Zwang die Krankenhäuser zu Verkürzungen der Verweildauer gezwungen hätte, geht von falschen Voraussetzungen aus, weil sich Ärzte nicht zwingen lassen, Patienten aus notwendiger Krankenhausbehandlung früher zu entlassen, als dies ärztlich zu verantworten ist. Im Gegensatz dazu haben sich Konflikte zwischen Ärzten und Krankenhausadministrationen immer dort entzündet, wo die Administration sich eine längere Verweildauer im Hinblick auf bessere Ausnutzung der vorhandenen Bettenkapazitäten wünscht, als dies aus ärztlicher Sicht notwendig war. Mit weiterer Verkürzung der Verweildauer wird sicherlich auch der Bettenbestand in Akutkrankenhäusern zurückgehen, ohne daß dabei ein Rückgang von Leistungen akzeptiert werden darf. Die erkennbaren Entwicklungen, die sich aus Demographie und aus medizinischem Fortschritt ergeben, führen zwangsläufig zu steigenden Fallzahlen und steigenden Leistungen und damit trotz Abnahme der Bettenkapazität zu steigenden Kosten in den Krankenhäusern. Diese Erkenntnis ist für die Politik unbequem, sei aber gerade denen ins Stammbuch geschrieben, die globale, feste Budgetierungen für den Stein der Weisen halten.
An dieser Stelle stellt sich die Frage, welche Aufgabe einer medizinischen wissenschaftlichen Fachgesellschaft in diesem Zusammenhang zukommt. Wissenschaft muß politikfrei bleiben, hat aber die Aufgabe, Politik zu beraten. Wissenschaft muß der Politik Entscheidungshilfen geben, wenn es z.B. darum geht, den wissenschaftlichen Fortschritt zu definieren und die Finanzmittel dafür einzufordern, die notwendig sind, um den gesicherten medizinischen Fortschritt in die Breitenversorgung zu übertragen.

In diesem Zusammenhang ist durchaus auch die Qualitätssicherung ärztlichen Handelns zu sehen. Hier liegt eine besondere Aufgabe einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft. Die Ausübung der ärztlichen Heilkunde besteht nicht nur in der Auswertung statistischer Daten. Die Medizin verfügt zwar über harte Daten - insofern ist sie Naturwissenschaft - aber auch über eine Fülle von sogenannten weichen Daten, die von Patient zu Patient und von Krankheitsbild zu Krankheitsbild individuellen Schwankungen unterliegen. Insofern ist ärztliches Handeln nicht völlig normierbar und nicht nur aus Computern abzurufen. Zu Recht hat die Jurisprudenz hieraus den Schluß gezogen und spricht nicht mehr von ärztlichen Kunstfehlern sondern von einer Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflicht. Der Arzt ist verpflichtet, mit der gebotenen ärztlichen Sorgfalt - unter Beachtung des aktuellen Standes wissenschaftlicher Erkenntnis - seine Patienten zu versorgen. Aus diesem Grund ist es daher eine wesentliche Aufgabe der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften, dem Arzt den aktuellen Stand der Wissenschaft und Forschung zu vermitteln, so daß der Arzt die jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Therapie integrieren kann, verbunden mit der Qualitätssicherung ärztlichen Handelns. Es ist ihre Pflicht, Qualitätsstandards unter Einschaltung entsprechender Konsensus-Konferenzen festzulegen, zeitnah fortzuschreiben und zu aktualisieren.

Derartige Qualitätsstandards definieren das Maß ärztlichen Handelns bezogen auf ein bestimmtes Krankheitsbild und einer daraus abzuleitenden Therapie.

Qualitätsstandards werden - unabhängig davon, wer sie formuliert hat - sehr bald juristisch (strafrechtlich oder zivilrechtlich) relevant. Nicht nur deshalb bedarf es besonderer Sorgfalt bei ihrer Formulierung.

Mit Sorge ist deshalb die Inflation von „Leitlinien" für ärztliches Handeln in Deutschland zu beobachten. Während in den USA nur wenige Leitlinien nach deren Evaluierung verbindlich gemacht wurden, lassen sich in Deutschland zur Zeit fast 500 derartige Leitlinien bereits im Internet abrufen, ohne daß eine einzige davon nachweislich evaluiert wurde. Die Leitlinieninflation wurde angestoßen vom „Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen", der überwiegend mit Ökonomen besetzt ist und der aus seiner besonderen Zielsetzung heraus die Formulierung von Leitlinien für das ärztliche Handeln in Deutschland für erforderlich hielt. Dieser Sachverständigenrat hat bereits in seinem Sachstandsbericht 1994 auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Definition des medizinisch Erforderlichen zu verbessern. Die bisher bekannten Leitlinien und Standards werden als Instrumente gesehen, das Unnötige zu vermeiden und das Notwendige zu gewährleisten. Damit zielt die Aufforderung des Sachverständigenrates an die wissenschaftlichen Fachgesellschaften nicht nur darauf ab, Qualitätsstandards als Mindeststandards für ärztliches Handeln festzulegen sondern auch gewissermaßen eine Obergrenze zu formulieren, um „Unnötiges zu vermeiden". Offensichtlich sind die Ökonomen dieses Sachverständigenbeirates der Meinung, daß Einsparpotentiale im Gesundheitswesen in Form von „unnötigen Leistungen" vorhanden sind. Dies ist eine klare Aufforderung, die ärztliche Therapiefreiheit einzuschränken.
In der Erkenntnis, Überregulierungen im Gesundheitswesen und damit tiefe Einbrüche in die Therapiefreiheit des Arztes verhindern zu wollen, haben sich zahlreiche medizinische Fachgesellschaften des Themas „Leitlinien" angenommen. Vosteen hat auf dem Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie im April 1997 ausdrücklich darauf hingewiesen, daß diese „Leitlinien" der wissenschaftlichen Gesellschaften unverbindliche Empfehlungen sind und als Entscheidungs- und Orientierungshilfe für den verantwortlich und rational arbeitenden Arzt gedacht sind. Leider haben diese Leitlinien bisher ein anderes Schicksal erfahren. Einerseits sahen einige Autoren von Leitlinien sich zwar geleitet durch das Bestreben, die Entscheidungsfreiheit des Arztes und damit die Therapiefreiheit nicht einzuschränken, haben andererseits aber den Leitlinien einen „Entscheidungskorridor" zugewiesen, ohne diesen zu definieren. Ein solcher Korridor wird auch nicht definierbar sein, weil er die Individualität des einzelnen Patienten und des einzelnen Krankheitsbildes nicht widerspiegeln kann. Ein solcher postulierter Korridor legt aber nicht nur die Untergrenze ärztlichen Handelns sondern gleichzeitig auch die Obergrenze fest. Dies ist naturgemäß auf die begeisterte Zustimmung der Ökonomen insbesondere auf der Seite der Kostenträger gestoßen, die hier gestützt auf wissenschaftlich erarbeitete Leitlinien ärztliche Entscheidungsfreiheit deutlich begrenzen wollen, um angeblich Überflüssiges und Unnötiges in der Patientenbetreuung mit dem Ziel der Kostendämpfung zu erreichen. Zusätzlich sind diese Leitlinien durch Beschlüsse aus dem Bereich der verfassenden Ärzteschaft eben nicht nur unverbindlich geblieben sondern ausdrücklich für verbindlich erklärt worden, wobei allerdings an der juristischen Relevanz dieser Verbindlichkeitserklärungen Zweifel angebracht sind. Selbstverständlich kann man durch Verträge, die zwischen Vertragspartnern geschlossen werden, zu denen auch Ärzte gehören, derartige Leitlinien - z.B. im Kassenarztrecht - für verbindlich erklären. Außerhalb des Kassenarztrechtes ist dies jedoch juristisch nicht bindend.

Andererseits haben aber spezialisierte Juristen - wie z.B. Ulsenheimer - früh darauf hingewiesen, daß unabhängig davon, wie derartige Leitlinien deklariert werden - sei es als Empfehlungen oder Richtlinien - diese von der Rechtsprechung als Richtschnur angesehen werden und damit den Arzt in Begründungszwang bringen, wenn er von dieser Richtschnur abweicht. Dies gilt insbesondere für Leitlinien, wenn sie von wissenschaftlichen Gesellschaften erarbeitet worden sind und ihrem Charakter nach Handlungsanweisungen darstellen, die nur einen einzigen richtigen Weg aufzeigen. De facto führt dies in Haftungsfragen zur Beweislastumkehr zu Lasten des Arztes.

Angesichts einer nicht mehr übersehbaren Flut von Publikationen und einer kaum mehr zu bewältigenden Anzahl von Kongressen, auf denen medizinischer Fortschritt mitgeteilt wird, ist es die wesentliche Aufgabe einer medizinischen wissenschaftlichen Gesellschaft, den aktuellen Stand medizinischer Kenntnis zeitnah zu sammeln, zu sichten und als Empfehlungen den Mitgliedern zur Verfügung zu stellen. Nur so läßt sich sicherstellen, daß medizinischer Fortschritt zeitnah in die Breitenversorgung Eingang finden kann. Nur so läßt sich aber auch verhindern, daß einzelne Publikationen, die erst noch der Absicherung bedürfen, unkritisch in das Handeln des einzelnen Arztes übernommen werden. Da es in den meisten Entscheidungsprozessen in der Medizin nicht nur einen, sondern mehrere Therapiewege gibt, die im Individualfall zur Diskussion stehen, müssen derartige Empfehlungen auch solche Alternativwege aufzeigen, damit der Arzt unter Abwägen der Vor- und Nachteile im Individualfall den für seinen Patienten richtigen Weg bei rationaler Überlegung in voller Erkenntnis seiner Verantwortlichkeit und seiner Sorgfaltspflicht findet. Wenn in derartigen Empfehlungen keine Alternativwege aufgezeigt werden, geraten diese Empfehlungen sehr schnell in den Rang von eindeutigen Handlungsanweisungen, die der Freiheit ärztlicher Berufsausübung widersprechen, die medizinische Handlungsfreiheit einschränken, den Fortschritt hemmen und juristisch deletäre Konsequenzen nach sich ziehen.

Aufgabe wissenschaftlicher Gesellschaften ist es also einerseits, Qualitätsstandards zu formulieren, bei deren Unterschreiten der Arzt sich verantworten muß, und andererseits, Entscheidungshilfen in Form von Empfehlungen basierend auf dem neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnis zu formulieren, zu aktualisieren und damit auch den medizinischen Fortschritt zu sichern.

Wissenschaftlich definierte Leitlinien können nicht praxisorientierte Leitlinien sein. Um Widersprüche zu vermeiden, haben sich die DOG und der Berufsverband abgestimmt, um in den praxisorientierten Leitlinien, die berufspolitischen und kassentechnischen Prämissen unterworfen sind, auch wissenschaftliche und somit zentrale Inhalte der DOG einfließen lassen zu können.
Meine Damen und Herren, die DOG als wissenschaftliche Fachgesellschaft hat somit vielfältige Aufgaben zu erfüllen, die von der Definition des wissenschaftlichen Fortschrittes in der Augenheilkunde über die Information aller Ophthalmologen bis hin zur Formulierung von Qualitätsstandards und Leitlinien reichen, ohne dabei Politik zu betreiben. Diese Aufgaben hat die DOG koordinierend für alle ophthalmologischen Spezialgebiete durchzuführen.

Wissenschaftlicher Fortschritt und damit medizinische Forschung in der Ophthalmologie benötigen eine entsprechende Finanzierung, die unabhängig vom Diktat politischer und kommerzieller Interessensgruppen sein muß. Deshalb bemüht sich die DOG in direkten Gesprächen mit Politikern und Entscheidungsträgern, eine ausreichende Finanzierung der Forschung an den Hochschulen sicher zu stellen. Die notwendige finanzielle Ausstattung medizinischer Forschung ist nicht nur im Hinblick auf den Erhalt der Qualität unseres Gesundheitswesens von großer Bedeutung, sondern ist eine Voraussetzung für die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Ophthalmologie im internationalen Vergleich. Dies verbessert auch die Attraktivität des Standortes Deutschland für die in der Ophthalmologie tätigen Industriezweige.

Die Mitglieder der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft haben in unterschiedlichen Facetten ihrer Berufsausübung legitime unterschiedliche berufliche Interessen. Eine wissenschaftliche Gesellschaft kann die unterschiedlichen beruflichen und häufig finanziell orientierten Interessen, insbesondere bei Interessenskollisionen, nicht wahrnehmen. Hierfür sind die ärztlichen Berufsverbände zuständig. Alle Mitglieder der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft eint jedoch die Wissenschaftlichkeit ihrer ärztlichen Berufsausübung, die sie durch ihre Mitgliedschaft in der wissenschaftlichen Fachgesellschaft garantiert wissen wollen. Insofern finden alle Fachärzte für Augenheilkunde auch bei unterschiedlichster Form der Berufsausübung ihre wissenschaftliche Heimat in der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. Dabei sollte die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft spezielle Fachgebiete und Organisationen integrieren und somit eine gemeinsame wissenschaftliche Vertretung aller ophthalmologischer Spezialgebiete sein. Erfolgreiche ausländische ophthalmologische Organisationsstrukturen, wie sie bewährt in der American Academy of Ophthalmology verwirklicht wurden, sollten als Beispiel dienen für den bereits vorhandenen aber noch nicht optimal funktionierenden Dachverband der deutschen, oder besser noch der deutschsprachigen Ophthalmologie. Dieses Konzept auszudehnen auf den europäischen Raum sollte ein erstrebenswertes Ziel für die nahe Zukunft sein.

Hierzu wünsche ich, nach altem Brauch des Ruhrgebietes, ein herzliches

„GLÜCK AUF".



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